Praxis für Logopädie - Sprach-, Sprech- und Stimmtherapie

Kicken wie die Profis
Studien erfassen erstmals das Verletzungsrisiko von Altherren-Fußballern. 09.09.2015

Wenn die sogenannten Alten Herren (AH) gegen den Ball treten, steht meistens der Spaß auf dem Fußballplatz im Vordergrund. Manchmal wird aus der Freude am gemeinsamen Spiel jedoch Frust über eine langwierige Verletzung. Denn AH-Fußballer tragen im Vergleich zur gleichaltrigen Bewegungsmuffeln ein höheres Verletzungsrisiko: Sie verletzen sich sogar etwa so häufig wie Profis. Da die älteren Amateure nur selten trainieren, lassen sich diese Risiken selbst mit vorbeugenden Übungen während des Trainings nicht so leicht verringern. Das sind Ergebnisse mehrerer Studien, die am Lehrstuhl für Sport- und Präventivmedizin an der Saar-Uni bei Professor Tim Meyer entstanden sind. Sie stellen die ersten Untersuchungen dieser Art für den AH-Bereich dar.

Als Alte Herren gelten die rund 1,8 Millionen Männer über 32 Jahre, die in Deutschland unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gemeldet sind. Sie bewegen sich zwar bevorzugt am Wochenende auf dem Fußballplatz, aber wie ist es tatsächlich um die körperliche Fitness von AH-Fußballern bestellt? Dieser Frage ist bisher noch keine wissenschaftliche Befragung nachgegangen. Ein Forscher-Team um Tim Meyer, Professor für Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes und Mannschaftsarzt der deutschen Fußball Nationalmannschaft, hat sich den AH- beziehungsweise Ü-Bereich, also Fußballern über einem gewissen Alter, in drei Studien genauer angeschaut. Zwei davon sind nun abgeschlossen.

"In einem ersten Schritt haben wir uns den durchschnittlichen deutschen AH-Fußballer einmal genauer angeschaut, was seine Gesundheit und seine normale Beanspruchung in Spiel und Training angeht", erklärt Meyer die erste Studie. Dabei haben die Sport-Mediziner festgestellt, dass die älteren Fußballer im Durchschnittsalter von 47 Jahren in den Spielen erstaunlich nah an die Leistungsgrenzen ihres Herz-Kreislauf- Systems gehen. Die Herzfrequenz war im Spiel oft bei fast 100 Prozent der maximalen Frequenz, die in einem fundierten sportmedizinischen Test im Vorfeld ermittelt wurde. "Die Leute waren einerseits also extrem motiviert im Spiel, aber auch hoch beansprucht", stellt Meyer fest. "Das muss nicht schlimm sein. Aber wenn diese Belastung zum Beispiel mit einer unentdeckten Herzschädigung zusammenkommt, kann das schlimm enden", gibt der Sportmediziner zu bedenken. Besonders ältere Männer sind eine Risikogruppe für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die in sehr seltenen Fällen gar zum plötzlichen Herztod führen können. Meyer: "Daher empfehlen wir für die Ü-Fußballer regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen."

In einer zweiten Studie haben die Sportmediziner genau untersucht, wie hoch das Verletzungsrisiko der Ü-Fußballer ist. Dafür wurden 265 saarländische Spieler über 7000 Spiel- und Trainingsstunden lang überwacht. Das Durchschnittsalter lag bei etwas über 44 Jahren. Mit 12,4 Verletzungen pro 1000 Fußballstunden lagen sie im Bereich von Profi-Spielern. Dabei sollte man eigentlich annehmen, dass wegen der niedrigeren Dynamik im Spiel der Amateure weniger Verletzungen auftreten. Vermutlich wird der Effekt aber vermindert, weil Muskeln, Bänder und Sehnen mit fortschreitendem Lebensalter an Widerstandsfähigkeit einbüßen und die Spieler weniger fit sind als Profis.

Die Forscher aus dem Saarland fanden außerdem heraus, dass im absoluten Amateurbereich vorbeugende Maßnahmen zu Beginn des Trainings offenbar keinen Effekt haben, die sich an anderer Stelle als effektiv erwiesen haben. Meyer: "Die Wirklichkeit sieht häufig so aus: Einmal pro Woche treffen sich die Ü-Fußballer zum Training, beginnen meist direkt mit einem Übungsspiel, ohne sich vorher aufzuwärmen, und spielen gelegentlich einmal am Wochenende." Präventionsprogramme mit Dehnungs- und Kräftigungsübungen, die das Verletzungsrisiko nachweislich senken, wirken aber wahrscheinlich erst bei zwei oder drei Trainingseinheiten pro Woche. "Eine solche Häufigkeit widerspricht zumindest der Trainingswirklichkeit im Ü-Fußball hierzulande", ist der Sportmediziner überzeugt. Vielmehr haben die meisten Hobby-Kicker im fortgeschrittenen Alter überhaupt keine Zeit, um dreimal die Woche zu trainieren. Die Verletzungsstudie ist also ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sinnvoll ist, Präventionsprogramme speziell für diese Sportlergruppe zu entwickeln und so deren Verletzungsrisiko zu senken. Dabei sollten die Trainer Wert auf motivierende Übungen legen und beispielsweise von Beginn an den Ball einbeziehen. Ansonsten kann die Bereitschaft der Spieler, an den vorbeugenden Verletzungsübungen teilzunehmen, schnell sinken. Der Ü-Fußball ist laut Meyer "eine ganz tolle und förderungswürdige Aktivität". Dennoch müssten die medizinischen Risiken minimiert werden, damit alle Spieler die Vorteile des Sporttreibens vollständig erfahren können.

NUR / physio.de




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